Narrationen, Spekulationen und Gedankenexperimente spielen nicht nur in den Künsten eine immer wichtigere Rolle, sondern auch in der Wissenschaft und Gesellschaft, an allen Orten der postdigitalen, kulturellen und politischen Auseinandersetzung und Verständigung über sozialgerechte, nicht berechenbare Zukünfte.
In welchen sozialen, politischen und technologischen Zukünften wollen wir leben? – das Büro für nützliche Fiktionen vermittelt in der Lehre und in öffentlichen Räumen Reisen in andere Zukünfte: Wege und Werkzeuge für Spekulationen, Baukästen für Utopien, mit denen andere Zukünfte vor Augen gestellt, gemeinsam verhandelt, analysiert und gestaltet werden können.
Das Büro für nützliche Fiktionen sucht das Gespräch in Erzähl- und Sprachexperimenten, die akustische, performative und essayistische Formen annehmen können. Es wirkt dabei in uniweiten
Lehrangeboten in drei miteinander befreundeten Schwerpunkten:
Wozu ein Büro für nützliche Fiktionen?
Viele Wissenschaften, gerade die exakten, nutzen Fiktionen. Begriffe, Modelle und Abstraktionen sind Übersetzungen, Schatten- und Parallelwelten, die keine Entsprechung in der Wahrnehmung haben und dennoch uns orientieren und prägen können, manchen das Wort erteilen, andere verstummen lassen, Zäsuren und Räume erschaffen, Gesellschaften, Ökonomien und politischen Entscheidungsdruck erfinden.
Die Frage nach der Zählbarkeit von Alltagserfahrungen und Gruppenzugehörigkeiten beruht etwa auf zahlreichen Generalisierungen. Raster, Skalierungen, Algorithmen und die Modellierung von Klassen entscheiden, wer oder was zählt. Sie erfinden ihre eigenen Objekte, machen Einzelmenschen erst ansprechbar, so dass sie, einmal normiert und zur Gruppe formiert, bevorzugt oder isoliert, geschützt oder kriminalisiert werden können. In welcher Welt wir leben, darüber entscheiden häufig Techfirmen. Das Büro hält dagegen, dass Fiktionen gemeinsam diskutiert, verändert und überschrieben werden können, wenn es gelingt, sie zur Sprache zu bringen.
Die Schwerpunkte feiern nicht die Autorschaft, feilen nicht an Frühwerken, entdecken keine Talente – sie sind mit Creative-Writing-Kursen nicht verwandt. Stattdessen die Konzentration auf das eigene Schreiben, das Vorlesen, das Gespräch über die eigenen Texte. Statt Regeln Labyrinthe, Spekulationen und Verbindungen zu Fragen, die die drei Schwerpunkte in der Eigenlogik der Literatur, des Radios und Essays auf unterschiedlichen Umlaufbahnen umkreisen, zur widerspenstigen Ökologie, zur Geste und zu Formen der Inklusion, zu Karaoke, zum Sprechen und Schreiben mit und nach der KI, zu den kolonialen Enden der Medientheorie. Und immer wieder zum Schreiben, Übersetzen, Beschreiben, zu den narrativen Anteilen wissenschaftlicher Prosa, den wissenschaftlichen Fiktionen in der Literatur und den Wechselwirkungen von Science und Fiction, zum Sound eines Augenblicks… Das Büro sucht nach Tagträumen, Flausen und Eisenspäne und hofft, dass irgendwann ein Funken überraschende Verbindungen schafft. Die Sprachkünste entwerfen an der Kunstuniversität einen dritten Ort. Gerade weil sie kein eigenständiges Studienprogramm sind, können sie als gelebte künstlerische Forschung das Gespräch zwischen den Künsten und Kulturwissenschaften auf Augenhöhe entfachen.